Ich will eure Geschichten!

Ich weiß nicht genau wieso ich gerade anfange über dieses Thema zu schreiben. Vielleicht ist es ein Verarbeitungsprozess den ich durchlaufen muss.

In den letzten Wochen bin ich emotional sehr empfindlich. Ich denke sehr viel nach und versuche das zu verarbeiten was ich die letzten Jahre durchgemacht habe. Glücklicherweise bin ich im laufe dieser Zeit an dem Punkt angekommen, an dem ich selber weiß, dass es okay ist zu stottern. Ich selber habe mich akzeptiert und das Stottern gehört zu mir. Trotzdem holt es mich immer wieder ein und ich habe das Gefühl als ob ich für ein paar Tage, manchmal auch Wochen, in ein tiefes Loch falle, aus dem ich mich jedes Mal wieder alleine herausziehen muss. Ich bin keine Person die gern über ihre Gefühle spricht oder welche zeigt, doch ich denke es ist Zeit damit anzufangen.

Für Außenstehende ist es schwer oder fast gar nicht vorstellbar zu verstehen was es bedeutet nicht reden zu können. Angst zu haben sich in jeglicher Hinsicht auszudrücken, in Panik auszubrechen wenn das Telefon klingelt oder jeden Tag von anderen aufs Neue daran erinnert werden dass man etwas nicht kann.

Die Mehrheit der Bevölkerung denkt ein Stotterer hat ein einfaches Leben, es ist ja nur die Aussprache die nicht so perfekt ist, „Es gibt Menschen die es viel schlimmer trifft“. Ich muss widersprechen, nicht in dem Sinne das es andere schlimmer trifft, sondern in dem Sinne, dass Stotterer ein einfaches Leben führen.

Ich habe gelitten-und wie ich gelitten habe. Diesen Schmerz kann ich euch gar nicht beschreiben. Ich habe all die Jahre, auch nach meiner Therapie, noch keiner Person alle Details erzählt, ich hatte nicht die Kraft dazu, wollte anfangen ein neues Leben zu führen.

Als ich realisierte, dass ich nicht normal sprechen kann, hatte ich anfangs noch die Hoffnung das irgendwann alles wieder gut wird und das Stottern vergeht. Doch diese Illusion verflog relativ schnell. Der Versuch, zu akzeptieren das ich stottere, scheiterte unzählige Male. Ich war immer eine sehr aufgeweckte, fröhliche und offene Person. Habe es mir niemals anmerken lassen das es mir nicht gut geht. Selbst meine Mutter hat nichts bemerkt. Ich war perfekt in dem was ich tat, ich konnte mein Leiden so gut überspielen, da bin ich selbst geschockt wenn ich daran zurück denke. Aber wenn ich dann im Bett lag und ich eigentlich schlafen sollte, drehten sich meine Gedanken nur um dieses Stottern und manchmal hab ich stundenlang geweint, lautlos, so dass keiner mich hören konnte. Wieso muss ich das erleben? Was hab ich getan um soviel Schmerz zu verdienen? Warum tut Gott mir das an? -Jeden Tag habe ich mir diese Fragen gestellt, immer und immer wieder. Es wurde jeden Morgen schlimmer, ich bin in einem Loch aus Selbstzweifel, Panikattacken, Selbstmordgedanken und Einsamkeit versunken. Jedes einzelne Wort was ich sagen wollte habe ich 4x in meinen Gedanken durchdacht, es wiederholt und mir vorgestellt was ich machen würde falls ich es nicht rausbekomme. Dazu kamen die Kommentare der anderen, „Rede langsamer Katrin“ oder „Atme erstmal tief durch bevor du was sagst“. Ganz ehrlich, wer zu Hölle bist du, dass du mir irgendwelche Tips geben kannst, obwohl du keine Ahnung hast? Wer gibt dir als gewöhnlichen Menschen das Recht dir zu erlauben über etwas zu Urteilen was du selbst nicht kennst oder fühlst? Ich weiß dass es diese Personen nie böse gemeint haben und mir nur helfen wollten, doch wie kommt man auf die Idee, Tips für etwas zu geben, was man selbst nicht hat? Das ist als würde ich meiner Tante erklären wie sich eine Geburt anfühlt obwohl ich noch nie eine erlebt habe. Es ist unmöglich zu beschreiben was für Demütigungen man als Stotterer erleben muss und wie sehr es einen verletzt. Man schreit in irgendeiner Arzt und Weise nach Hilfe aber keiner kann einen hören, vielleicht will es auch keiner hören. Ich weiß es nicht. Das Feld in dem wir Stotterer stehen ist ein fast unsichtbares Feld. Nur wenige erkennen das wir es schwer haben, wir jeden Tag einer schweren Art von Mobbing ausgesetzt werden, unser Leben unglaublich eingeschränkt ist und wir am meisten innerlich kaputt gehen. Jeder Zuhörer empfindet das Stottern als nicht schlimm und manche finden es sogar süß, doch das was man hört sind 10% von dem ganzen Stottern. Der Rest spielt sich innerlich ab. Könnt ihr euch vorstellen, dass jedes Wort was ihr sagt, von anderen analysiert wird. Egal was ihr sagt, ihr werdet immer verbessert oder euch wird nachgesprochen? Kann man sich das als nicht Stotterer überhaupt vorstellen wie es ist dies jeden Tag, jahrelang zu erleben? Kann man es sich vorstellen, vor jedem Wort so Angst zu haben,  als würde einem grad die wichtigste Prüfung seines Leben bevorstehen? Bisher konnte mir das keiner beantworten. Ich denke das liegt daran das die Menschen sich keine Gedanken darüber machen, sie nehmen es hin wenn jemand ein Handicap hat und schauen weg. Doch wieso machen sich Menschen Gedanken über irgendwelche Untergänge und sonstiges, anstatt sich erstmal seine eigene Umgebung anzuschauen. Fangt an euch Gedanken über eure Freunde zu machen, eure Familie, euren Partner. Was fällt euch auf? Man bemerkt Dinge oft erst wenn man sich darum bemüht darüber intensiv nachzudenken.

 

 

 

 

 

 

 

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